
29.8.2009
Zwei große bedeutende Weinbauregionen hatten sich die Teilnehmer der Weinbaustudienreise des Weinbauverbandes vorgenommen. Zunächst stand die sehr alte Weinbauregion, die Toskana, auf dem Programm.
Eine lange Anreise führte die Weinexperten an den Anbaugebieten Südtirol, Trento und Veneto vorbei. Bei schönstem Sonntagswetter präsentierten sich diese Weinbaugebiete in sattem Grün. In der Toskana hingegen schimmerte durch das dunkle Grün der Zypressen verdorrter Rasen. Ein heißer Sommer ohne Regen zeigte seine Wirkung. Nach einer sehr langen Fahrt bezog man Quartier in Poggibonsi, strategisch gut gelegen – mitten in der Toskana – auf halber Strecke zwischen Florenz und Siena.

So war auch Florenz die erste Stadt, die besichtigt wurde. Allein die Stadt Florenz birgt derartig viele Kunstschätze und architektonische Höhepunkte, dass man einige Tage dafür investieren müsste. Der Mittelpunkt der Stadt ist der Domplatz, auf dem die Kathedrale Santa Maria del Fiore steht. Daneben sind der Palazzo Medici Riccardi, die Uffizien, der Ponte Vecchio und dem Rathaus mit der berühmten David-Statue von Michelangelo sind weltbekannte Höhepunkte. Nach so viel Kulturgrundlage war es Zeit für eine Weinexkursion in den nördlichen Teil der Toskana, nach Carmignano Prato, in Richtung Pistoia. Dieses Gebiet hat erst seit 1975 seine Abgrenzung als DOC-Gebiet, der Weinbau allerdings ist seit dem Jahr 804 nach Christus urkundlich erwähnt. Ziel war das Weingut des Grafen Capezzana. Das Gut bewirtschaftet eine landwirtschaftliche Fläche von 670 ha, davon 120 ha Rebfläche und 140 ha Oliven. Der Wein findet hier ein besonderes Klima: im Sommer sehr heiße Tage, kühle Nächte und gleichmäßig über das Jahr verteilten Niederschlag. Zur Probe wurde der Barco Reale gereich, eine jugendliche Variante des Carmignano aus den Trauben Sangiovese und Cabernet gemacht. Der Wein mit dem Namen Villa di Capezzana DOCG ist der traditionelle Wein von Capezzana. Durch den hohen Sangioveseanteil (80%) präsentierten sich die Weine fruchtig, dicht und aromatisch.
Am dritten Reisetag stand Siena auf dem Programm. Die traditionsreiche Stadt, die im ausgehenden Mittelalter mit Florenz ständig in Interessenkonflikt stand. Die über drei Hügel ausgebreitete Stadt hat ihr mittelalterliches Aussehen aus den goldenen Zeiten des Handels und der Kunst beibehalten. Jenem Jahrhundert etwa verdankt der Bau des Doms und die Kirche San Domenico, seine Entstehung.
Das Herz der Stadt ist die Piazza del Campo mit der beeindruckenden Form der Muschelschale. Dieser Platz ist auch die Bühne des „Palio delle Contrade“, der zwei Mal im Jahr die Geister der Senesen belebt. Ein einzigartiges Erlebnis, das es in dieser Art nur in Siena gibt und das den Ort in 17 Stadteile (Contrades) teilt. Der Dom ist ein kulturhistorisches Kleinod. Die Fassade ist ein Werk von Giovanni Pisano. Im Inneren beeindrucken vor allem die Marmorintarsien auf den Fußböden und ein mit Sternen übersätes Gewölbe. Das fachliche Programm am dritten Reisetag galt dem südlichen Gebiet des Montepulciano. Die Fahrt führte durch die abwechslungsreiche südliche Toskana, die durch sehr große Agrarflächen geprägt ist. Die imposante Festung Montereggio beeindruckte ebenso wie San Quirico und die Kraterlandschaft Crete Sieniesi. Am Horizont konnte man die Kulisse des Monte Almiata (ca. 1700 m) erkennen.
Montepulciano liegt inmitten des Landes der Etrusker auf der Höhe eines in den Himmel ragenden Berges. Rund um erstreckt sich eine ausgedehnte Landschaft mit Reben, Oliven und allerlei Feldfrüchten. Das Ziel der Weinpilger war Cantina del Redi, die seit 1988 von der Genossenschaft Vecchia Cantina bewirtschaftet wird. Selbstverständlich liegt der Wirtschaftsbetrieb der 450 Mitglieder mit 1700 ha Rebflächen außerhalb des Bergdorfes. Die Cantina befindet sich in einem der schönsten Renaissancepaläste Montepulcianos. Er wurde 1534 von dem späteren Kardinal der römischen Kirche, Giovanni Ricci erbaut.
Nach der Besichtigung des historischen Kellers wurde eine dreistöckige Weinprobe vom Kellereidirektor selbst zelebriert.
Zur Probe wurde der Rosso di Montepulciano, ein jüngerer Wein, voll, würzig, ausgeglichen und angenehmem Abgang nach Tannin, gereicht. Etwas reifer war der Orbaio Toscana, der 12 Monate in Barriquefässern und danach zur Reifung für 6 Monate auf der Flasche lag. Der Wein, der weitgehend aus Sangiovese gemacht wurde, strahlt mit nachhaltigem Duft, der an Waldfrüchte erinnert, gepaart mit Lakritz, Vanille und Schokolade.
Gekrönte wurde die Probe mit den Briareo vino nobile di Montepulciano. Ein Wein, der bei Mundus Vini ausgezeichnet wurde. Eine lange Reifezeit im Holzfass, Barrique und in der Flasche formte einen komplexen, harmonischen Wein, konzentriert und elegant mit einer leichten Tanninnote.
Der vierte Exkursionstag führte über Florenz, Pistonia, vorbei an den Pisaner Bergen, über den Serchio Fluß, vorbei an Lucca, an die wunderschöne versalische Küste.
In Rapallo, wo der einst durch Walter Rathenau mit dem berühmten Rapallo Vertrag Deutschland nach dem 1.Weltkrieg wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen wurde, gönnte sich die Gruppe eine Mittagspause. Ein Bad im ligurischen Meer nahmen nur wenige. Andere genossen ein Picknick mit Wein und Pecorinokäse oder gönnten sich eine feine Pasta in einem netten Weinlokal.
Solchermaßen gestärkt wurden die unzähligen Tunnel auf der Autobahn locker genommen. Nur selten wurde der Blick auf`s Meer freigegeben. Nach Genua, der flächen- und höhengreifenden Hafen- und Industriestadt, führte der Weg in Richtung Turin durch endlose Wälder. In der Langhe ging es an Bra vorbei und man steuerte das Zentrum Alba an. Für eine erste Erkundung blieb genügend Zeit. Ein schmackhaftes Abendessen im Hotel Savona mit Spezialitäten des Piemont krönte einen erlebnisreichen Urlaubstag.
Der 5. Reisetag stand ganz im Zeichen des Weines. Gleich über Alba liegt das Weingut Ceretto von Tenuta Monsordo Bernardina. Ein unbeschreiblicher Ausblick in die strenge Reb-Architektur der grünen Hügellandschaft breitet sich beinahe endlos aus. Fast jeder Hügel ist begrenzt von einem Castello und einem sich anschmiegenden Nestdorf. Ceretto ist ein Familienbetrieb in der dritten Generation. Das war der einst im Besitz von Viktor Emmanuel und wurde sehr großzügig um- und ausgebaut. Höhepunkt ist die Traubenkanzel, die eine wunderbare Kulisse für Weinproben liefert. Zur Probe wurde zunächst ein weißer Aneiswein gereicht, dem die Frische etwas abging. Es folgte ein 2007 Dolcettowein, ein leichter frischer Rotwein. Ein 2005 Barbaressco DOCG überzeugte die Wengertergruppe. Etwas überrascht war man über die Preisgestaltung. Kein Wein war unter 13 Euro zu haben. Der 2004 Brunato Barolo kostete gar 50 Euro.
Die Besichtigung und die Fachexkursion wurde von einer jungen Fachfrau geführt, die keine Antwort schuldig blieb. Dieser gelungene Fachbesuch war ein guter Auftakt für die Exkursion nach Barolo, einem kleinen Weindorf, das dem weltberühmten DOC – Gebiet mit einer Rebfläche von 1800 ha und 17 Gemeinden seinen Namen gibt. Nach der üblichen Mittagspause standen wir vor dem Tor des Betriebes Marchesi di Barolo. Auch hier erfolgte die Führung von einer jungen Frau mit exzellenten Deutschkenntnissen. Die Kellerei gehörte früher der Familie Faletti, den „Begründern“ des Ruhmes des Barolos.
Der Betrieb erzeugt 1,5 Millionen Flaschen, davon sind 30% Barolo. Daneben wird Dolcetta und Moscato (aus Asti) gemacht. Zur Probe wurde ein 2007 Nebbiolo, ein 2006 Barbaresco DOCG und ein 2005 DOLC Barolo Coste di Rose angeboten. Alles Weine, außer den Nebbiolo, die sorgsam in Barrique und Holzfässern zur Reife gebracht wurden und sich als komplexe feine Weine der Begeisterung der Wengertgruppe sicher sein durften. Noch eine weitere Fachexkursion stand auf dem Programm: OCC Rocche di Manzoni. Dieses Weingut, dessen Inhaber das Ehepaar Jolanda und Valentino Migliorini ist, bewirtschaftet nunmehr eine Fläche von 60 ha, verteilt auf vier Betriebe. Das Rebsortenspektrum reicht von Nebbiolo (Barolowein) über Dolcetto, Barbera und Pinot Nero bis zum Chardonnay, aus dem das Weingut Rocche Valentino Brut Zero erzeugt. Dies ist ein feinfruchtiger Spumante. Das Weingut präsentiert sich in fast klerikalem Ambiente, gepaart mit pseudorömischer Architektur und frivolem Deckengemälde. Ungeklärt blieb die Frage, wie man mit der Weinproduktion so viel Investitionen in die Präsentation leisten kann. Neben dem Spumante überzeugte der Wein Quat Nas.
Die vierte Weinprobe des Tages erfolgte im Rahmen eines schönen Abendessens in Serralunga d`Alba. Zum rohen Kalbshack mit Staudensellerie passte der Aneiswein genauso wie zum Risotto mit Pilzen. Als Hauptgang wurde Braten mit Barolosauce und Beilagen gereicht. Der Dolcetto erfreute sich dazu großer Beliebtheit.
Der vorletzte Exkursionstag begann mit einer Stadtbesichtigung der historischen Altstadt von Alba, die vom Dom und vielen Backsteintürmen der bürgerschaftlichen Häuser geprägt ist. Auch römische Grabungen erinnern an frühere Besiedlungen. Der Ruhm Albas gründet natürlich auch auf der Trüffelkultur, insbesondere auf der des weißen Trüffels. Nach dieser kulturellen Grundlage war es endlich Zeit für eine Weinprobe in der regionalen Vinothek in Grinzane Cavour. In Barbaresco gab es Gelegenheit zum Mittagsimbiss bevor die letzte Betriebsbesichtigung der Fachstudienreise stattfand. In Martinenga besuchten wir Tenute Cisa Asinari dei Marchesi di Grèsy. Auf 35 Hektar in drei Außenbetrieben werden 200.000 Liter erzeugt.
Ein wunderbares Abendessen im Hotel Savona, in dem wir dem Justizminister Ulrich Goll mit Sohn begegneten, bildete den Abschluss des letzten Fachtages. Ein warmer Sommerabend lud noch ein zu einem Bummel durch die belebten Plätze der sympathischen Kleinstadt.
Samstag früh galt es Abschied nehmen von Piemont und Emmanuele Masin, der sympathischen Reiseleiterin, die fachkundig mit viel Umsicht und schwäbischen Hintergrund die Gruppe betreut hat. Bei schönstem Wetter traten wir die Rückreise an und fuhren an Turin vorbei, durch den großen St. Bernhard- Tunnel ins Aosta-Tal, wo auf steilen Terrassenlagen der Weinbau sehr rückläufig ist. Nach dem Tunnel breiteten sich wallisische Weinberge aus und am Genfer See umsäumten die Weinberge die traumhafte Seekulisse. Der Busstopp am See von Gruyére bot ein Postkartenmotiv.
Weiter ging es über Bern, Basel und Singen heim ins Unterland. Eine stimmige harmonische Reise ging zu Ende, dies war die einhellige Meinung der Wengerter.