
4.7.2010
Drei „Höhepunkt der Weinkultur“ im Weinland Württemberg wurden vom Deutschen Weininstitut (DWI) am 4. Juli 2010 um 16.30 Uhr auf dem Hohenloher Weindorf in Öhringen (Bühne am Marktplatz) ausgezeichnet:
Mit Ehrenurkunden und Kennzeichnungstafeln für die „Höhepunkte der Weinkultur“, der Tourismus-Initiative des Deutschen Weininstituts (DWI): v. l. n. r. Eberhard Kaiser von der Esslinger Sektkellerei Kessler, die Deutsche Weinprinzessin Christl Schäfer, Württembergs Weinbauverbandspräsident Hermann Hohl, Steffen Schindler vom DWI, die Württemberger Weinkönigin Juliane Nägele, Pfedelbachs Bürgermeister Torsten Kunkel und der Leiter des Pfedelbacher Weinbaumuseums Wilfried Uhlmann. Foto: Bernauer
Die Deutsche Weinprinzessin Christl Schäfer aus Fellbach und die Württemberger Weinkönigin Juliane Nägele aus Hessigheim übergeben zusammen mit DWI-Marketingleiter Steffen Schindler und Hermann Hohl, Württemberger Weinbauverbandspräsident, die Ehrenurkunden sowie die Kennzeichnungstafeln. Schindler zum Konzept der DWI-Initiative, die mittel- und langfristig Impulse für den Weintourismus freisetzen soll: „Wir wollen mit dieser Aktion die Menschen für unser Kulturgut Wein sensibilisieren und dazu animieren, selbst in die Regionen zu fahren, um dort vor Ort zu erleben, was Weinbau in Deutschland bedeutet."
Bei den „Höhepunkten der Weinkultur“ handelt es sich um besondere Orte, die die Geschichte und Tradition des Weinbaus, die Leistungen der Weinwirtschaft und das Kulturgut Wein dokumentieren. Eine unabhängige Jury hatte sie aus über 100 eingereichten Vorschlägen aus allen Anbaugebieten ausgewählt.
„Vielen Menschen - insbesondere außerhalb der Weinregionen - ist nicht bekannt, dass Deutschland ein Weinland mit einer über zweitausend Jahre alten Weinkultur ist, die die Menschen sowie die Land- und Ortschaften nachhaltig geprägt hat. Unsere Höhepunkte sind lebendige Zeitzeugen dieser Weinkultur und bieten für Touristen spannende Anlaufpunkte, um sich mit dem Thema zu beschäftigen", so Steffen Schindler.
Weitere „Höhepunkte der Weinkultur“ in DeutschlandAhr: Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr
Baden: Vulkanfelsgarten Winklerberg am Kaiserstuhl
Franken: Staatlicher Hofkeller Würzburg
Hessische Bergstraße: Erlebnispfad Wein & Stein Heppenheim
Mittelrhein: Weinlage Bopparder Hamm; Weinumschlagplatz Bacharach
Mosel: Römische Kelteranlage in Piesport
Nahe: Freilichtmuseum Bad Sobernheim; Klosterruine Disibodenberg; Gut Hermannsberg
Pfalz: Weinort Deidesheim; Rhodt unter Rietburg; Römervilla Weilberg und Weinkelter; Römerwein in Speyer
Rheingau: Kloster Eberbach
Rheinhessen: Kupferberg Museum Mainz; Weinbergslage Niersteiner Glöck
Saale-Unstrut: Weinbergshäuschen am Freyburger Schweigenberg
Sachsen: Staatsweingut Schloss Wackerbarth
Hier stand die Champagnermarke Veuve Cliquot persönlich Pate: Am 1. Juli 1826 gründete Georg Christian von Kessler in Esslingen am Neckar die erste Sektkellerei Deutschlands. Gelernt hatte der Unternehmer sein Handwerk in der Champagne: Von 1807 an war Kessler bei der berühmten Firma Veuve Cliquot-Fourneaux & Cie. als Buchhalter beschäftigt, 1815 war er bereits Mitglied der Geschäftsführung. Kessler führte die Champagnerkellerei zu enormen Erfolgen, vor allem durch das Auslandsgeschäft, das er aufbaute. Doch Intrigen verhinderten, dass er 1824, wie geplant, das Unternehmen übernehmen durfte.
Gut für Esslingen und gut für Deutschland: Kessler kehrte in seine Heimatstadt zurück, und gründete dort 1826 die G.C. Kessler & Compagnie in der ehemaligen Kelter des Kaisheimer Pfleghofes. Aus Frühburgunder wurden die ersten 4000 Flaschen Schaumwein hergestellt und unter dem bescheidenen Namen "schäumender Württemberger Wein" in den Handel gebracht. Der Schaumwein nach Champagnerart hergestellt, machte schnell Furore: In den ersten zehn Jahren verkaufte Kessler rund eine halbe Million Flaschen seines moussierenden Weines. 1829 exportierte Kessler bereits nach Russland, Großbritannien und in die Vereinigten Staaten, Hauptabsatzgebiet blieb aber Württemberg und sein Königshaus.
1832 erfolgte der Kauf der ersten Gewölbekeller im Speyrer Pfleghof. Der eindrucksvolle frühere Zehnthof wurde wohl um das Jahr 1213 errichtet und ist bis heute Firmensitz und Produktionsstandort der Sektmanufaktur Kessler. In Kesslers Todesjahr 1842 verkauft das Unternehmen bereits 46 500 Flaschen – das Unternehmen führte Carl Weiss weiter. Auf der Leipziger Messen im Jahr 1850 erschien dann zum ersten Mal die Marke „Kessler Cabinet“ - die älteste bekannte Sektmarke Deutschlands. Auch im 20. Jahrhundert ging die Erfolgsgeschichte weiter: Kessler-Sekt wurde während der Weltfahrt des Luftschiffes „LZ 127 Graf Zeppelin“ kredenzt, Konrad Adenauer machte ihn 1956 zum Sekt der Bundesregierung für Staatsempfänge.
Dennoch musste das Traditionsunternehmen im Dezember 2004 Insolvenz anmelden, ein Neustart unter dem Esslinger Betriebswirt Christopher Baur verhinderte 2005 das Aus. Und so können die zwei Kellner mit dem Sektkühler – das Markenzeichen der Firma – noch heute Kessler-Sekt servieren. Gezeichnet wurden sie übrigens vom Simplicissimus-Karikaturist Josef Benedict Engl im Jahr 1904. Heute heimst Kessler-Sekt wieder Preise ein – Dank seines eigenen Stils, ganz in der Tradition Veuve Cliquots. Zu besichtigen ist das im neuen Kessler-Karree 18 mitten in Esslingen mit Bar, Verkostungsraum und historischem Gewölbekeller.
Info Kessler Sekt GmbH & Co. KG - Marktplatz 21 - 23 73728 Esslingen www.kessler-sekt.de
Kessler Karree 18 Montag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Samstag: 10 bis 16 Uhr
In dieser Landschaft markieren Weinkeltern die Wege, und das ganz buchstäblich: Zwischen Öhringen und Pfedelbach standen einst acht Weinkeltern. Sie hießen Pfaffenkelter, Meisenkelter oder Wacholderkelter, die meisten sind heute verschwunden, doch Keltersteine erinnern noch an sie – und eine Kelterrunde, ein Wanderweg, der die alten Stätten verbindet. Sie sind Marksteine einer wohl 2000 Jahre alten Weinbaukultur, denn wahrscheinlich brachten schon die Römer den Weinbau in die Region. Der Weinort Pfedelbach entstand wohl im 11. Jahrhundert, 1037 wird er erstmals in einer Urkunde erwähnt. Die Römer waren aber schon um das Jahr 150 nach Christus hier: Durch Pfedelbach verläuft der Obergermanisch-Raetische Limes, der seit 2005 Weltkulturerbe der Unesco ist.
Der Weinbau kann keine kleine Rolle gespielt haben, im Jahre 1604 entsteht jedenfalls der "Lange Bau", ein langgestrecktes Fachwerkhaus mit einem 70 Meter langen und 12 Meter breiten Herrenkeller - groß genug, um darin mehrere hunderttausend Liter Wein zu lagern. Heute dokumentiert hier das Pfedelbacher Weinbaumuseum die Geschichte des Rebenanbaus in der Region. Das Prunkstück ist das drittgrößte Weinfass Deutschlands: das Fürstenfass von 1752, in Auftrag gegeben von Fürst Joseph zu Hohenlohe-Waltenburg-Pfedelbach - mit sagenhaften 64 664 Litern Fassungsvermögen. Letztmals wurde es 1828 mit dem Zehntwein für den Fürsten gefüllt, der ihn an seine Truppen ausgab.
Hier, im historischen Fürstenfass-Keller, wurde 1950 die Weinkellerei Hohenlohe gegründet, von damals 14 Winzern. 450 Weingärtner aus 16 Weinbauorten kultivieren heute ihre Trauben für die "Fürstenfass-Weine", die Kellerei selbst hat ihren Sitz in Bretzfeld-Adolzfurt.
Der Weg der Keltern aber hört am Weinbaumuseum noch lange nicht auf: Im Pfedelbacher Ortsteil Heuholz steht eine der ältesten noch erhaltenen Herrschaftskeltern in Nordwürttemberg. Die Fürstlich-Hohenlohische Herrschaftskelter entstand im Jahr 1740 als Gemeinschaftskelter der Fürstenhäuser Hohenlohe-Waldenburg und Hohenlohe-Öhringen. Die stützenfreie Dachkonstruktion über einer Grundfläche von 15 mal 18 Metern war eine zimmermannstechnische Meisterleistung. Die Kelter ist heute im Eigentum eines Privatmannes und wurde 1990 aufwändig saniert.
Info Keltern-Runde: http://www.hohenlohe.de/showpage.php?SiteID=268
Weinbaumuseum Pfedelbach Im Fürstenkeller Baierbacher Str. 12 74629 Pfedelbach.
Öffnungszeiten: Mai bis Oktober: nach Voranmeldung. Eintritt: 2 €
Ansprechpartner: Bürgermeisteramt Pfedelbach, Hauptstraße 17, 74629 Pfedelbach
http://www.hohenlohe.de/showpage.php?SiteID=148
Weingut Burg Hornberg: Der Götz und das zweitälteste Weingut der Welt
Hier betrieb einst der legendäre Götz von Berlichingen Weinbau: 45 Jahre lang lebte der berühmt-berüchtigte fränkische Reichsritter mit der eisernen Hand auf Burg Hornberg bei Neckarzimmern. Was viele aber nicht wissen: Der durch seine Kämpfe im schwäbischen Bauernkrieg bekannt gewordene Ritter trieb auch Weinbau auf seiner 1517 erworbenen Burg Hornberg, und zwar so erfolgreich, dass er – wie die Annalen berichten – seinen "Neckarwein - Schleckerwein" bis an den Kaiserhof der Donaumetropole Wien verkaufte.
Die Burg Hornberg wird erstmals 1184 in einem durch Kunrad von Hohenstaufen, Pfalzgraf bei Rhein, verfassten Dokument erwähnt – samt Weingut und Weinbergen. Doch die Experten sind sich heute sicher, dass dies nicht der Beginn des Weinbaus am Hornberg war: Auf dem Gebiet der „Unteren Au“ und des zur Burg Hornberg gehörenden Stockbronner Hofes wurden 1893 zwei römische Villae Rusticae gefunden. Auffallend viele Scherben von teils großen Keramikgefäßen legen eine Verbindung der beiden Landgüter zum Weinbau nahe – damit dürfte in der Gegend, durch die auch der Limes führte, schon im 2. Jahrhundert Weinbau betrieben worden sein.
In jedem Fall gilt das Weingut Burg Hornberg allein schon wegen der Urkunde von 1184 als das zweitälteste noch existierende Weingut der Welt - und als das älteste Weingut in Baden-Württemberg. Eigentlich liegt das Weingut auf badischem Gebiet und galt auch bis in die 1980er Jahre als badisches Weingut. Seitdem wird die Lage an der Grenze zu Württemberg jedoch als württembergisch geführt. Auf insgesamt zehn Hektar Rebfläche werden eine Vielzahl von Weinen angebaut, darunter auch historische Weinsorten wie Muskateller und Traminer - auch auf den steilen Terrassen des Burgberges in den Lagen Burg Hornberger Wallmauer und Burg Hornberger Götzhalde.
Über neun Kilometer Natursteinmauern sorgen für einen thermischen Ausgleich im Weinberg, weil das Mauerwerk tagsüber die Wärme der Sonne speichert und nachts die Wärme an die Rebstöcke abgibt. Noch heute wird das Traubengut vom Weinberg direkt in die Kelter des unterhalb bei Neckarzimmern liegenden, 400 Jahre alten Schlosses zur Verarbeitung gebracht. Der Ausbau der Weine erfolgt im alten Schlosskeller mit seinem 40 Meter langen und über 6 Meter hohen, freitragenden Gewölbe. Die Weinproben finden in der Romanischen Unteren Burg statt, dem größten Wohngebäude aus der Staufferzeit nördlich der Alpen. Der offizielle Gutsausschank befindet sich in der Alten Neckarmühle in Gundelsheim. Oenologe und Burgherr ist heute Baron Dajo von Gemmingen-Hornberg – in 12. Generation Erbe des Freiherrn von Gemmingen, der 1612 Burg Hornberg kaufte, und Bewahrer einer rund 1500-jährigen Weinbautradition. Götz von Berlichingen-Hornberg war 1562 mit 82 Jahren gestorben – seine Originalrüstung ist bis heute auf der Burg zu sehen.
Info Burgherr Baron Dajo von Gemmingen-Hornberg
Burg Hornberg 1 74865 Neckarzimmern Homepage: www.Burg-Hornberg.de