
15.10.2010
Roßwog: Strukturen gezielt weiter entwickeln
Genossenschafts-Präsident Gerhard Roßwog ist für den Markt der württembergischen Weingärtnergenossenschaften zuversichtlich. „Das Konsumklima hat sich deutlich aufgehellt. Deutschland ist gut durch die Wirtschaftskrise gekommen, die Beschäftigung steigt und die Inflationsrate bleibt niedrig.“ Bereits im 1. Halbjahr 2010 verzeichneten die württembergischen Weingärtnergenossenschaften ein kräftiges Verkaufsplus. Mit 40,7 Mio. Litern wurde den Kunden 3,2 Prozent mehr Wein und Sekt kredenzt als im ersten Wirtschaftskrisenhalbjahr 2009.
Im gesamten Weinwirtschaftsjahr (1. Juli 2009 bis 30. Juni 2010) beträgt der Zuwachs 2,7 Prozent auf 87,6 Mio. Liter. „Das war das beste Verkaufsergebnis der letzten zehn Jahre“, unterstrich der Genossenschafts-Präsident. Der Vergleich der Zuwachsraten zeige außerdem, dass die Nachfrage nach Württemberger Genossenschaftsweinen weiter zunehme. Wertmäßig umgesetzt wurden im 1. Halbjahr 107,5 Mio. Euro.
Die Ursache des Erfolges sieht Roßwog in den Vertriebsstrukturen. Württemberg könne zurzeit besonders vom Wachstum der Vollsortimenter im LEH profitieren, die gut im Markt liegen. Die Regionalität ihres Angebotes komme bei den Verbrauchern sehr gut an. Das Wachstum im Lebensmittelhandel finde dabei vor allem außerhalb Württembergs statt. Dort werden mehr Kunden gewonnen; die sogenannte Käuferreichweite habe zugenommen.
Maßgeblich dafür ist das nationale Rebsortensortiment der WZG Möglingen, das den guten Namen Württemberg mit traditionellen Rebsorten verbinde. Damit steige auch der Anteil der 0,75er-Flaschen am Gesamtsortiment, was die Wertschöpfung erhöht. Gut drei Viertel der Württemberger Genossenschaftsweine sind Rotweine.
Mit dieser Entwicklung ist Württemberg im deutschen Weinmarkt hervorragend aufgestellt, erläuterte Dieter Weidmann, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft eG, Möglingen. Während Württemberg im 1. Halbjahr 2010 um 3,2 Prozent mehr verkaufte, sei das Volumen des deutschen Weinmarktes insgesamt um 2,0 Prozent zurückgegangen, wobei deutscher Wein mit einem Minus von 7,6 Prozent noch mehr verloren habe. Maßgeblich für diese Entwicklung war, dass die Anzahl der Haushalte, die Wein eingekauft haben, in Deutschland zurückgegangen sei. Die Deutschen gaben im 1. Halbjahr 2010 nur noch 1,51 Mrd. Euro für Wein aus, rund 70 Mio. Euro weniger als im Vorjahr. Zudem waren italienische Weine durch erhebliche Preiszugeständnisse im Discount auf dem Vormarsch. Dies habe dazu geführt, dass zwei Drittel der italienischen Rotweine im LEH jetzt unter 2 Euro vermarktet werden.
Der harte internationale Wettbewerb auf dem deutschen Weinmarkt würde die Möglichkeiten begrenzen, die Markterlöse zu steigern, zumal Württemberg bereits an der Preisspitze bei deutschem Wein marschiere. Vor allem das „kalte Konditionswachstum“ als Folge der galoppierenden Konzentration im Handel schmälere die Erlöse der Vermarkter und Erzeuger.
Gleichzeitig nehmen die Kosten sowohl bei den Genossenschaften wie auch bei den Wengertern weiter zu.
Kritisch sieht Roßwog die Einkommenssituation der Wengerter nicht zuletzt mit Blick auf den kleinen Jahrgang 2010: „Kleine Mengen bedeuten hohe Stückkosten für Genossenschaften und Erzeuger.“ Deshalb sei es geboten, die Strukturen anzupassen und weiterzuentwickeln. „Der Strukturwandel ist im Übrigen eine permanente Herausforderung in allen Branchen“, ergänzte Roßwog.
„Wir sind es der kommenden Generation schuldig, dass wir zukunftsfähige Unternehmen schaffen“, so Roßwog. „Strukturdiskussionen können aber nicht losgelöst von den individuellen Gegebenheiten geführt werden. Zuerst kommt die Strategie und dann die Struktur.“ Eine Genossenschaft müsse wissen, wo sie hinwolle: mit ihren Zielgruppen, mit ihren Vertriebswegen, mit ihrem Sortiment und ihrer Rebsortenstruktur. Zu einem lokalen oder regionalen Markt mit dem Schwerpunkt im Direktverkauf passe das kleine genossenschaftliche Weingut, während die überregionale Vermarktung über den Lebensmitteleinzelhandel ein großes Haus mit entsprechenden Vertriebsstrukturen wie die WZG Möglingen erfordere.
„Vor allem die Vermarktungsstrukturen verbessern“
Pauschalaussagen über betriebliche Mindestgrößen würden deshalb weder im Weinbau noch in anderen Branchen weiterführen. „Der Markt einer Genossenschaft und ihre Ausrichtung müssen zusammenpassen, und vor allem kommt es darauf an, sich beim Verbraucher als Qualitätsmarke zu verankern.“ Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband sehe deshalb weder eine Fusionswelle, noch empfehle er eine bestimmte Mindest-Betriebsgröße. „Fusionen sind und bleiben ein gangbarer Weg für Strukturveränderungen, aber sie sind nicht der einzige Weg dafür.“
„Der Rationalisierungsdruck geht vom Markt aus, von den Einkaufs- und Konsumgewohnheiten der Verbraucher“, betonte der Genossenschafts-Präsident. Deshalb seien insbesondere Kooperationen im Vertrieb geeignet, die Vertriebs- und Logistikkosten zu senken und die Erträge zu verbessern.
Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gemeinsam für Anbaustopp
21.09.2010Die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben sich dafür ausgesprochen, am Anbaustopp für Reben über die Jahre 2015 beziehungsweise 2018 hinaus entgegen den Beschlüssen der EU festzuhalten. Zudem sollen nach dem Willen beider Landesregierungen den Ländern im Weinbezeichnungsrecht eigene Zuständigkeiten zur stärkeren Profilierung von Herkunftsangaben einschließlich der Steillagen im Weingesetz ermöglicht werden. Ihr Anliegen werden die beiden Landesregierungen in einem gemeinsamen Entschließungsantrag im Bundesrat einbringen, wie die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Stefan Mappus während einer Pressekonferenz nach der gemeinsamen Kabinettssitzung der beiden Landesregierungen in Herxheim-Hayna erläuterten.
Angesichts der nach wie vor durch Überschüsse gekennzeichneten Situation am Weinmarkt ist aus Sicht beider Landesregierungen bei einer vorzeitigen Freigabe der Pflanzrechte eine Produktionsverlagerung auf Standorte zu erwarten, die eine nahezu industrielle Traubenproduktion erlaubten. „Es ist eine große Gefährdung für die traditionellen Kulturlandschaften zu befürchten. Insbesondere der Weinbau in den Hang- und Steillagen wäre im bisherigen Umfang nicht mehr konkurrenzfähig“, so der rheinland-pfälzische Weinbauminister Hendrik Hering. „Über die Jahrhunderte hinweg wurden in Deutschland die am besten geeigneten Lagen weinbaulich erschlossen. Der Weinbau in diesen Lagen steht für Qualität, biologische Vielfalt und nachhaltige Landbewirtschaftung durch Familienbetriebe. Unser Ziel ist es, das Kultur- und Wirtschaftsgut Wein sowie die Identität der Weinbauregionen in Deutschland und Europa zu erhalten“, betonte der baden-württembergische Weinbauminister Rudolf Köberle. Seit Jahrzehnten bestehe ein bewährtes System von Qualitäts- und Anbauregeln. Die Qualitätsweinbauregionen hätten in diesem Sinne die Anbaugebiete für den Weinbau abgegrenzt, geeignete Rebsorten klassifiziert, Mindestmostgewichte festgelegt sowie Hektarhöchsterträge definiert. „Diese ganzheitliche Qualitätspolitik hat sich bewährt und muss daher auch fortgesetzt werden“, unterstrich Köberle. Die Forderung nach einer stärkeren Regionalisierung des Weinbezeichnungsrechtes begründete Hering vor allem mit einer auch von der Weinwirtschaft angestrebten stärkeren Profilierung der Qualitätsweine mit der Angabe kleinerer geographischer Einheiten sowie aus Steil- oder Terrassenlagen. Damit könnte die besondere Wertigkeit der in diesen Lagen erzeugten Weine gegenüber den Verbrauchern deutlich gemacht und die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe gestärkt werden.
Quelle: Staatskanzlei Rheinland-Pfalz / Staatsministerium Baden-Württemberg
Die Ministerpräsidenten Stefan Mappus und Kurt Beck
Foto: Michael WallrathRoßwog: Die Strukturen gezielt weiterentwickeln