
03.02.2011
Strukturfragen der Weinwirtschaft vor dem Hintergrund der Wirtschaftslage und der Globalisierung stehen im Mittelpunkt der neun Bezirksversammlungen des Weinbauverbandes Württemberg. „Die Wirtschaftslage ist allgemein nicht so gut, wie sie dargestellt wird“, stellt Präsident Hermann Hohl fest.
In Deutschland werde zu wenig produziert. Über 70 Prozent der Arbeitenden seien im Dienstleistungssektor tätig. Ein Großteil der Beschäftigungsverhältnisse beruhe auf Zeitverträgen oder auf Teilzeitjobs. Dass alles trage zusammen mit Preisanstiegen bei Grundnahrungsmitteln und im Energiebereich nicht gerade dazu bei, die Konsumfreude anzukurbeln. Hohl: „Diese allgemeine wirtschaftliche Lage führt dazu, dass der Weinkonsum stagniert. Sie verringert das Interesse am Genussmittel Wein.“
Die geringen Ernten 2009 und 2010 und damit zuletzt die kleinste Württemberger Weinernte seit 1985 „bringen Teile unserer Betriebe in eine wirtschaftlich schwierige Situation“, weiß Hohl. Zwangsläufig geringere Erlöse, die durch erhöhte Kosten noch weiter reduziert würden, führten „unweigerlich zu einem verstärkten Strukturwandel bei den Erzeugungsbetrieben“. Hohl zieht Parallelen zur Entwicklung der Landwirtschaftsbetrieben. Dächer und Tanks gebe es genug. Für neue Namen, neues Design, neue Werbelinien werde viel Geld ausgegeben. Hohl: „Aber wir haben nicht die auf Langzeit-Existenz angelegten Strukturen.“
Der Weinbauverbands-Präsident ruft dazu auf, mit einem Maßnahmenbündel den „nicht aufzuhaltenden“ Strukturwandel anzunehmen und „auf vielen Ebenen rechtzeitig“ umzusetzen: „Wer die Entwicklung nicht sehen will, der wird sie spüren.“ Die Stärken von Württemberg seien eine gute Grundlage: Viele Betriebe hätten rechtzeitig investiert. Vielseitig sei das Sortiment für jeden Konsumenten. Der größte Markt, „in dem auch Geld verdient wird“, liege vor der Haustür. Die kurzen Wege zum Kunden müssten besser genutzt werden.
Strukturveränderungen verlangt Hohl bei Erzeugungsbetrieben genauso wie bei Genossenschaften, Selbstvermarktern und Kellereien. Ökonomisches Denken, die Optimierung der Flächengröße, die Prüfung weiterer Standbeine (z.B. Obstbau. Landwirtschaft, Dienstleistungsbereich mit Gästezimmern, Hofcafé) mussten mehr um sich greifen. Hohl spricht auch eine „Zweitbereinigung oder freiwilligen Landtausch“ an, um Rebflächen wirtschaftlicher zu ordnen. Der Arbeitseinsatz im Weinberg müsse von Betriebsleitern ebenso betriebswirtschaftlich gerechnet werden wie beispielsweise der Pacht-Einsatz, der sich auf die finanzielle Stärke eines Betriebes auswirke. Die rechtzeitige Klärung der Nachfolgefrage habe Folgen für Investitionen. Hohl: „Wir müssen überall die Kosten senken und müssen den Mut haben, auf breiter Ebene die Preise zu erhöhen. Wenn wir vernünftig bleiben, ist das zu realisieren. Wir dürfen nicht warten, ob, dass und wie andere für uns handeln. Deshalb müssen wir heute schon überlegen, wie wir die Zeit nach 2015 - mit oder ohne Anbaustopp - als Chance nutzen.“
Es sei Zeit, nicht als Gegner im Wettbewerb, sondern als Partner zu handeln: „Wir müssen jetzt überlegen, wie wir den Ursprungsgedanken der Genossenschaften nicht nur zum Flächentourismus verkommen lassen, sondern wie wir wie unsere mutigen Vorfahren zur Gründerzeit der Genossenschaften in erster Linie Strukturen neu ordnen.“
Diese notwendigen Umstrukturierungen „in wohl verstandener Verantwortung für uns selbst oder für die Mitglieder, die Genossenschaften vertrauen“ müssten deshalb bis 2015 abgeschlossen sein. Hohl: „Wir müssen jetzt handeln.“
Betriebswirtschaftliche Perspektiven für einen zukunftsfähigen Weinbau zeigt bei den meisten Bezirksversammlungen Dr. Jürgen Oberhofer, Gruppenleiter Weinbau am Dienstleistungszentrum Ländlcher Raum Rheinpfalz und Lehrbeauftragter auf: „Besser zu Zweit einen Schlepper als zwei Schlepper für einen Betrieb.“
Die vollständige Rede von Präsident Hermann Hohl
Die vollständige Präsentation von Dr. Jürgen Oberhofer
Die Rede des Obersulmer Bürgermeisters Harry Murso