
04.06.2011
Der neue baden-württembergische Minister für „Ländlichen Raum und Verbraucherschutz“ will die Landwirtschaft ohne Ideologie „stark machen für die Zukunft“. Gerhard Schwinghammer stellte für Rebe & Wein Fragen zur rot-grünen Landwirtschaftspolitik und zur Bedeutung des Weinbaus.
Rebe & Wein: Welche Bedeutung hat der Ländliche Raum im Industrieland Baden-Württemberg?
Bonde: Baden-Württemberg ist auch deshalb so erfolgreich, weil wir ländliche Räume mit großer Wirtschaftskraft haben. Wir sind in der Fläche stark. Daher ist der Erhalt von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen auf dem Land ebenso wichtig wie der Erhalt von und Zugang zu Infrastruktur oder der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien. Gerade eine auf Nachhaltigkeit angelegte grüne Politik hat die Belange des Ländlichen Raumes genau im Blick.
Rebe & Wein: Und welche Bedeutung hat dabei der Weinbau?
Bonde: Auch der Weinbau ist ein Wirtschaftsfaktor hierzulande, der Arbeitsplätze bietet und zur Wertschöpfung beiträgt. Der Erfolg des baden-württembergischen Weinbaus beruht dabei auf der Innovations- und Wirtschaftskraft der rund 35.000 Weinbaubetriebe und Winzerfamilien im Land. Mit insgesamt rund 20 Prozent Steillagenanbau und etwa fünf Prozent Terrassen- und Steilstlagen, die nur in Handarbeit bewirtschaftet werden können, ist der Weinbau in Hang- und Steillagen ein Alleinstellungsmerkmal für den Weinbau in Baden-Württemberg. Wir werden uns daher dafür einsetzen, dass die Anbaubegrenzung, der sogenannte Anbaustopp, beibehalten wird. Ansonsten kann es zu einer Schwemme billiger Massenweise kommen. Wenn der Weinbau in die Fläche geht, sind auch unsere wertvollen Kulturlandschaften und eine jahrhundertealte Weinbautradition bedroht.
Rebe & Wein: Wie sieht grün-rote Landwirtschaftspolitik aus?
Bonde: Unser Ministerium wird eine starke Landwirtschaftspolitik pflegen - auch durch die europäischen Strukturfördermittel, die zu großen Teilen in diesen Etat fließen. Als Landwirtschaftsminister werde ich mich in Brüssel dafür stark machen, dass diese wichtige Arbeit weiterhin möglich bleibt. Ich möchte die Landwirtschaft stark machen für die Zukunft und dazu beitragen, dass diese an der einen oder anderen Stelle stärker ökologisch ausgerichtet wird, was ja auch der Nachfrage am Markt entspricht. Daher wollen wir Betriebe, die auf Bio umstellen wollen, dabei unterstützen. Es wird aber keine ideologische Politik geben, sondern eine Politik, die konventionell wie ökologisch wirtschaftende Betriebe gleichberechtigt unterstützt. Mit einer „grünen Marktwirtschaft“ können wir auch künftig nachhaltig, verträglich und sozial ausgewogen Wohlstand erarbeiten und erhalten. „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“ ist für mich das Leitmotto.
Rebe & Wein: Was heißt das für den zugewachsenen Teil Tourismus?
Bonde: Zunächst freue ich mich, dass es uns gelungen ist, das Ministerium mit den Bereichen Naturschutz und Tourismus wieder so stark zu machen wie zuletzt vor 25 Jahren. Tourismus in den Städten und im Ländlichen Raum ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der viel Potential bietet. Mit der Eingliederung des Tourismus in den Geschäftsbereich des MLR ergeben sich für Teile des Bereiches wertvolle Schnittmengen zum Naturschutz und zur Landwirtschaft. Der Tourismus hat viele Facetten, die wir im Genießer- und Weinland Baden-Württemberg sehr gut spielen können. Es gibt ja bereits viele gute Ansätze in Weinbaugegenden, die den Dreiklang Wein und Weinkultur, gutes Essen und die reizvolle Landschaft erfolgreich zusammengebracht haben.
Rebe & Wein: Sind Subventionen etwas Schlimmes?
Bonde: Den Einsatz öffentlicher Mittel muss man immer gut begründen und die Auswirkungen auf den Markt abwägen beziehungsweise Marktverzerrungen verhindern. Insbesondere Subventionen mit ökologisch schädlicher Anreizwirkung habe ich immer schon sehr kritisch gesehen. Wir sprechen aber nicht von Subventionen, wenn es darum geht, dass landwirtschaftliche Leistungen wie Ressourcenschutz und die Bewahrung unserer Kulturlandschaften entgolten werden, die der Markt nicht honoriert. Ich denke hier auch an Steil- und Steilstlagen im Weinbau, die Baden-Württemberg zu einem attraktiven Urlaubsland machen. Da unterstützen wir mit öffentlichem Geld das Erbringen einer öffentlichen Leistung.
Rebe & Wein: Was wird sich im Ministerium ändern?
Bonde: Wir haben für die neuen Arbeitsbereiche eine neue Abteilung „Naturschutz und Tourismus“ gegründet. Ansonsten planen wir keine großen organisatorischen Veränderungen. Das Haus hat bundesweit einen sehr guten Ruf, wir haben kompetente und überdurchschnittlich engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.